• Report date (narrative): Oktober 2025

Oktober 2025

Wir haben ein Problem mit den Begriffen.

Der europäische Refrenzrahmen DigComp wurde geschaffen, um "digitale Kompetenzen" von Bürgern greifbar zu machen, so dass man diese Kompetenzen zielgerichtet ausbauen kann. Was aber sind "digitale Kompetenzen", und was unterscheidet sie von "analogen"?

Auf den ersten Blick ist das ja leicht: "Digital" meint in der alltagspraktischen Verwendung dieses Worts alles was mit Computern und dem Internet zu tun hat. Man könnte auch den alten Terminus "EDV" dafür verwenden - die elektronische Datenverarbeitung. "Analog" meint in diesem Denkzusammenhang alles andere (manche verwenden "analog" sogar für persönliche Treffen als Gegensatz zu solchen über Videotechnik). 

Doch wenn man es technisch präzise angeht, bedeutet "digital" etwas anderes:

"Digital" bezeichnet eine bestimmte Weise der technischen Verarbeitung mit Daten (Informationen), nämlich ihre Umsetzung in fixierte, endliche Größen, etwa die Werte 1 bis 10, oder - heute gängige Praxis in der Computerwelt - als 0 und 1 (ja und nein, an und aus, etc.)

Dem gegenüber steht die "analoge" Verarbeitung von Daten: nicht als fixierte, endliche Größen, sondern als beliebig fein wachsende oder fallende Werte, sei es einer Frequenz, einer Ausschlagshöhe (Amplitude) elektrischer Signale, Schallwellen, Lichtstrahlen etc. Maschinen, die mit solchen Informationen arbeiten, heißen analog.

Daraus entsteht ein Widerspruch. Im Alltagsverständnis bedeutet "digital" praktisch einfach "Computer und Internet". Aber Computer (Rechenmaschinen) und das Internet (Datenübertragung)  müssen gar nicht unbedingt auf digitaler Technik beruhen. Es gibt auch analoge Rechenmaschinen, und analoge Datenübertragung ist uns allen bestens bekannt aus den alten Formen von Radio, Fernsehen und Telefon. 

Wenn wir nun aber von "digitalen Kompetenzen" oder "Digitalkompetenzen" sprechen, meinen wir die Fähigkeit, mit den gegenwärtigen Datenverarbeitungsmaschinen halbwegs sinnvoll umzugehen: Computer, Smartphones, Verkaufsautomaten für Fahrkarten, Bankomaten, allerlei Dienstleistungen übers Internet... also einfach alles,  bei dem heute in Alltag und Arbeitswelt Computer und/oder Internet eingesetzt werden.

Das Wort "digital" meint hier - in Alltag und Bildungswesen - also etwas ganz anders als das Wort "digital" in der Technik. Damit müssen wir wohl leben, aber es ist wichtig, sich des Unterschieds wenigstens gewahr zu sein. 

Oft wird der Unterschied aber ausgeblendet, auch von Fachleuten im Bildungswesen.

Ein Beispiel für diese unreflektierte Verwendung der Dichotomie von "digital" und "analog" ist die österreichische Fassung des DigComp. In dieser Abwandlung des offiziellen DigComp der EU wird den fünf Kompetenzfeldern (Areas) eine weitere hinzugefügt, um grundlegende Fähigkeiten (basic skills) für den Umgang mit Computern und Internet zu adressieren, also so einfache Dinge wie ein Gerät anzuschalten, eine Maus zu benutzen, eine Tastatur zu benutzen, und so weiter.

Eine Frage, die hier gestellt wird, ist: "Kennen Sie den Unterschied zwischen analog und digital?" 

Was mögen die Autoren des österreichischen DigComp (DigComp 2.0 AT) hier im Sinn gehabt haben? Nun, sie werden wohl kaum im sinn gehabt haben, dass der befragte Bürger / die befragte Bürgerin den Unterscheid zwischen diskreten und kontinuierlich modulierten Signalen erklären können. Solche technischen Kenntnisse ewartet in unserer Gesellschaft niemand (es sei dahingestellt, ob das gut oder schlecht ist). Vielmehr werden die österreichischen Autoren wohl gemeint haben: "Erkennen Sie, wenn eine Maschine zur Welt von 'Computer und Internet' gehört?", also: ist sich die Person bewusst, dass der Fahrkartenautomat am Bahnhof zu "Computer und Internet" gehört, der Zigarettenautomat an der Hauswand dagegen nicht (solange es einer der alten mechanischen ist). In diesem Sinne gehört die gute alte mechanische Schreibmaschine zur analogen Welt, der Schreibtischcomputer zur digitalen. 

(Man kann sich jetzt noch den Spaß machen zu argumentieren, dass die mechanische Schreibmaschine in anderem Sinne ebenfalls digital ist: Sie arbeitet ebenfalls mit diskreten Signalen, nämlich 40-50 verschiedenen "Stempeln", mit denen Zeichen aufs Papier gepresst werden.)

Was folgt daraus? Ich denke, der österreichische DigComp sollte umformuliert werden. Die Frage "Kennen Sie den Unterschied zwischen analog und digital" muss jeden verwirren, der die Begriffe wirklich unterscheiden kann. Die Frage sollte besser lauten: "Erkennen Sie, ob eine Maschine zu "Computer und Internet" gehört, oder ob sie ohne diese Techniken auskommt?"

(Meinung des Autors. Christian Geiselmann, VHS Hannover)