Juli 2024
An unserem Bildungszentrum glaubten wir lange Zeit, dass wir die digitalen Kenntnisse der Teilnehmer recht schnell einschätzen könnten. Wenn jemand wusste, wie man einen Computer einschaltet, "ins Internet geht" und vielleicht eine E-Mail schreibt, dachten wir: „Gut, die Grundlagen hat er.“
Dann begannen wir, genauer hinzuschauen...
Da war jener Kursteilnehmer, der vor dem Computer saß, selbstbewusst den Browser öffnete und einen Suchbegriff eingab. Auf den ersten Blick ganz einfach. Doch als er die Ergebnisse erhielt, klickte er auf den ersten Link, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, woher dieser stammte. Als wir ihn fragten, warum er gerade diesen Link gewählt habe, antwortete er schlicht: „Weil er der erste war.“
Und in diesem Moment wurde uns klar: Digitale Kompetenz bedeutet nicht, dass man klicken kann. Digitale Kompetenz bedeutet, dass man weiß, wo man klicken muss – und warum.
Früher vertrauten wir Büchern. Heute vertrauen wir dem Bildschirm
Wenn wir zurückdenken, war früher alles physischer. Wenn man Informationen wollte, ging man in die Bibliothek. Wenn man ein Buch fand, wusste man, wer es geschrieben hatte. Das Buch sprang einem nicht von selbst entgegen. Man musste es suchen, aufschlagen, durchblättern.
Heute aber springen uns die Informationen entgegen. Von selbst. Ohne Anstrengung. Und genau das ist eine Falle.
Denn wenn etwas leicht zu haben ist, denken wir oft nicht darüber nach, ob es wahr, überprüft oder überhaupt sinnvoll ist.
In unseren Schulungen haben wir oft gesehen, wie selbstbewusst die Teilnehmer digitale Geräte nutzen, aber gleichzeitig an sich selbst zweifeln, wenn sie beurteilen müssen, ob eine Information zuverlässig ist. Manche schreiben sich sogar Webseiten auf ein Blatt Papier – nicht, weil sie nicht wüssten, wie man ein Lesezeichen speichert, sondern weil sie Papier immer noch mehr vertrauen.
Und ganz ehrlich? Das verstehen wir vollkommen. Papier ändert sich nicht über Nacht. Das Internet schon.
Auch wir mussten neu lernen, hinzuschauen
Als wir im Rahmen des DigCompAE-Projekts zu arbeiten begannen, dachten wir zunächst, wir würden die digitalen Kompetenzen unserer Teilnehmer analysieren. Doch sehr schnell stellten wir fest, dass wir auch unsere eigenen analysierten.
Wir haben erkannt, dass digitale Kompetenz nicht nur eine einzige Fähigkeit ist. Sie ist eine Ansammlung kleiner Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen:
- Überprüfen wir die Informationsquelle?
- Achten wir darauf, wer hinter der Website steht?
- Können wir mehrere Quellen vergleichen?
- Können wir zugeben, dass wir etwas nicht wissen – und nach einer Antwort suchen?
Das sind keine technischen Fragen. Das sind Fragen des Verständnisses. Und manchmal haben auch wir zu schnell geklickt.

Am interessantesten war die Erkenntnis, dass viele bereits über Kompetenzen verfügen – nur wissen sie es nicht
An unserem Bildungszentrum begegnen wir Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten. Einige haben viele Jahre in einer Fabrik gearbeitet, andere im Dienstleistungsbereich, wieder andere haben ihre Ausbildung zu einer Zeit absolviert, als es noch gar keine Computer gab.
Und doch, wenn wir ihre Denkweise beobachten, erkennen wir etwas Wichtiges: die Fähigkeit zum kritischen Denken.
Eine der Teilnehmerinnen sagte einmal: „Ich glaube nicht sofort alles, was ich lese. Zuerst frage ich noch meine Tochter.“
Auf den ersten Blick ist das keine digitale Kompetenz. Aber bei genauerem Hinsehen ist es das doch. Das bedeutet, dass sie versteht, dass Informationen überprüft werden müssen. Das bedeutet, dass sie versteht, dass nicht alles selbstverständlich ist.
Digitale Kompetenz beginnt nicht beim Gerät. Sie beginnt beim Denken.
Die größte Veränderung ist keine technische sondern eine der Persönlichkeit
Wenn jemand zum ersten Mal erkennt, dass er Informationen selbst überprüfen kann, dass er selbst urteilen kann, dass er selbst entscheiden kann – dann verändert sich nicht nur sein Umgang mit digitaler Technik.
Es verändert sich die Einstellung zur Welt. Plötzlich ist man kein passiver Beobachter mehr. Man wird zum Akteur / zur Akteurin.
Das sehen wir in kleinen Momenten. Wenn jemand sagt: „Ich schaue noch einmal nach.“
Oder: „Ich glaube, diese Seite ist nicht zuverlässig.“
Oder einfach: „Jetzt verstehe ich.“
Das sind große Schritte.
Digitale Kompetenz ist nichts, was man einmal erlernt
Es ist kein Führerschein. Es gibt keinen Moment, in dem man sagt: "Jetzt kann ich es." Die Technik verändert sich. Die Werkzeuge verändern sich. Die Welt verändert sich. Und wir verändern uns mit ihr.
An unserem Bildungszentrum lernen wir jeden Tag gemeinsam mit unseren Teilnehmer:innen. Manchmal zeigen wir es ihnen, manchmal zeigen sie es uns. Und genau darin liegt der Kern des Erwachsenenlernens – es ist ein Prozess, und er setzt auf Austausch untereinander.
Das Projekt DigCompAE hat uns geholfen zu verstehen, dass digitale Kompetenzen nicht nur jungen Menschen vorbehalten sind. Sie sind nicht den Fachleuten vorbehalten. Sie sind nicht den „Technikfreaks“ vorbehalten.
Sie sind für uns alle da.
Denn digitale Kompetenz bedeutet heute nicht mehr nur, einen Computer einschalten zu können. Digitale Kompetenz bedeutet, die Welt zu verstehen, die sich eröffnet, wenn man ihn einschaltet.
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