Oktober 2024
„Ich schicke es einfach ab, oder?“
Wir saßen im Computerraum mit einem Kurs zur Grundbildung für Erwachsene. Es war bereits gegen Abend. Auf den Bildschirmen waren E-Mail-Programme geöffnet. Eine der Teilnehmerinnen hielt die Hand über der Maus, der Mauszeiger schwebte über der Schaltfläche „Senden“.
»An wen?«, fragte ich.
»An die Schulleiterin«, antwortete sie. »Weil ich morgen nicht da sein werde.«
Ich überflog die Nachricht kurz. In der Betreffzeile stand: Abwesenheit. Inhalt: Ich bin morgen nicht da.
Und darunter die Unterschrift: Lp.
Es war nichts falsch daran. Und doch fehlte etwas. Ich fragte sie, ob sie eine solche Nachricht auch per Post – in einem Umschlag – verschicken würde.
Sie sah mich an, lächelte und sagte: „Natürlich nicht. Da müsste ich formeller sein.“
Und da kam dieser Moment, den wir als Pädagogen erkennen. Ein leises Klicken im Verständnis.
E-Mail ist nicht nur E-Mail.
Früher wussten wir, wie man kommuniziert
Vor dem digitalen Zeitalter hatten wir klare Muster. Ein formeller Brief hatte eine Anrede, einen Inhalt, einen Schluss und eine Unterschrift. Ein Telefonanruf hatte einen Tonfall, eine Stimme, eine Pause. Ein persönliches Gespräch hatte Mimik, Blickkontakt, Körperhaltung.
Kommunikation war körperlich, sichtbar, hörbar.
Digitale Kommunikation hingegen ist ungewöhnlich still. Auf dem Bildschirm gibt es keinen Tonfall. Es gibt keinen Blickkontakt. Es gibt kein sofortiges Feedback, ob etwas so verstanden wurde, wie wir es gemeint haben.
Und deshalb kommt es vor, dass wir etwas schreiben, das für uns völlig klar ist – für den Empfänger jedoch nicht.
An der UPI Žalec begegnen wir dem jeden Tag. Teilnehmer, die nach Jahrzehnten wieder eine Ausbildung beginnen, können kommunizieren. Das ist keine Frage ihrer allgemeinen Lese- und Schreibfähigkeit. Die Frage ist, wie sich diese Kompetenz in die digitale Umgebung übertragen lässt.
Wenn der Ton fehlt, muss mehr nachgedacht werden
Im DigComp-Referenzrahmen wird Kompetenz 2.1 als die Fähigkeit zur angemessenen Interaktion unter Einsatz digitaler Technologien beschrieben. Das bedeutet nicht nur den technischen Umgang mit dem Werkzeug. Es bedeutet das Verständnis für Kontext, Angemessenheit und das Publikum.
Eine E-Mail ist nicht dasselbe wie eine SMS. Eine Nachricht im Online-Schulzimmer ist nicht dasselbe wie ein Kommentar in einem sozialen Netzwerk. Eine Bewerbung ist nicht dasselbe wie eine Nachricht an einen Freund.
Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Erinnern wir uns an einen Teilnehmer, der an die offizielle E-Mail-Adresse der Gemeinde eine Nachricht mit dem Betreff „Hey“ schickte. Der Inhalt war klar und korrekt, aber der Anfang hatte einen Ton, der der Situation nicht angemessen war. Es ging nicht um Unwissenheit. Es ging um die Übertragung der Alltagssprache in einen Bereich, in dem andere Erwartungen gelten.
Früher waren solche Regeln in Leitfäden für das Verfassen von Briefen festgehalten. Heute sind sie oft nicht ausformuliert unsichtbar. Aber sie existieren immer noch.
Wenn ein Klick zur Entscheidung wird
An jenem Abend im Klassenzimmer formulierten wir gemeinsam die Nachricht um. Wir fügten eine Anrede hinzu. Eine Erklärung. Einen Dank. Den Vor- und Nachnamen deutlich unterschrieben.
Als die Teilnehmerin die Nachricht noch einmal las, sagte sie: „Jetzt klingt es anders.“
Es ging nicht um schönere Worte. Es ging um das Gefühl der Verantwortung. Um das Bewusstsein, dass digitale Kommunikation Spuren hinterlässt. Dass sie Teil unseres beruflichen und persönlichen Eindrucks ist.
Und als sie auf „Senden“ klickte, war das nicht nur ein technischer Klick. Es war ein wohlüberlegter Klick.

Unser Workshop und unser Spiegel
Als wir im Rahmen des DigCompAE-Projekts bei einem internen Workshop mit unseren Kollegen über Kompetenzen nachdachten, zeigte sich schnell, dass wir alle digitale Kommunikation nutzen. E-Mails, Online-Klassenzimmer, Anmeldungen, Formulare, Benachrichtigungen.
Die Frage war jedoch nicht, ob wir sie nutzen. Die Frage war, ob wir sie bewusst nutzen.
Wie oft senden wir eine Nachricht, ohne sie noch einmal durchzulesen? Wie oft verwenden wir die Kopie (CC), ohne darüber nachzudenken, wer alles die Nachricht erhält? Wie oft gehen wir davon aus, dass etwas verständlich ist, weil es für uns klar ist?
Früher haben wir einen Brief von Hand abgeschrieben. Ein Fehler bedeutete ein neues Blatt Papier. Heute löschen wir einen Fehler mit einem Klick. Die Geschwindigkeit ist höher. Die Überlegung jedoch nicht immer.
Und genau hier liegt die digitale Kompetenz. Nicht im Tippen. Im Nachdenken.
Die Teilnehmer lehren uns genauso wie wir sie
An der UPI Žalec haben wir verschiedene Generationen. In unserem Mehrgenerationen-Zentrum beobachten wir interessante Szenen: Ein älterer Teilnehmer verfasst sorgfältig eine E-Mail, während ein jüngerer schnell tippt, ohne Satzzeichen und ohne Anrede.
Der Ältere hat vielleicht mehr Respekt vor der Form, der Jüngere mehr Selbstvertrauen in seine Schnelligkeit. Beide müssen jedoch über den Kontext nachdenken.
Digitale Kommunikation ist keine Frage des Alters. Es ist eine Frage des Bewusstseins.
Wenn E-Mails zur Brücke werden
An jenem Abend beendeten wir die Stunde mit der Frage: „Was möchten Sie, dass der Empfänger von Ihnen denkt, wenn er Ihre Nachricht liest?“
Es entstand Stille. Das war keine technische Frage. Es war eine Frage der Identität.
Die digitale Welt ist nicht von uns getrennt. Sie ist kein Parallelraum. Sie ist eine Erweiterung unseres Handelns. E-Mail ist nicht nur eine Nachricht. Sie ist eine Beziehung. Und wenn wir das verstehen, ändert sich die Art des Schreibens. Der Ton ändert sich. Die Verantwortung ändert sich.
An der UPI Žalec lehren wir nicht nur, wie man eine E-Mail verschickt. Wir lehren, wie man in einem Raum kommuniziert, in dem es keine Gesichter gibt, die Konsequenzen aber sehr real sind.
Und wenn uns das nächste Mal jemand fragt: „Ich schicke das jetzt einfach, oder?“, wissen wir, dass die Frage nicht technischer Natur ist. Sie ist menschlicher Natur.
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